Hendrik Müller – Presse

Emilio de‘ Cavalieri

DAS SPIEL VON SEELE UND KÖRPER

Premiere am 29. Juni 2013
Oper Frankfurt
„Das Spiel von Seele und Körper“ ist für mich die schönste Entdeckung der diesjährigen Opernsaison. Selten habe ich ein so anmutiges Zusammenspiel von Musik, Stimmen, Bewegung, Kostümen, Farb- und Lichteffekten gesehen und gehört. Ein Fest der Sinne und die Entdeckung einer fast vergessenen musikalischen Welt an der Schwelle von der Renaissance zum Barock. Das Gleichmaß dieser Musik, aber auch ihre wundervollen reinen Melodien und die für heutige Ohren ungewohnte Instrumentierung bewirken ein inneres Leuchten, das durch das hervorragend choreographierte szenische Spiel noch verstärkt wird.

Werner Müller-Esterl, Frankfurt Allgemeine Sonntagszeitung, 1. Juli 2013

 

Es ist eine Thematik, die von der heutigen Zeit nicht weiter entfernt sein könnte – und gleichzeitig doch sehr nahe an ihr dran ist – druch eine zeitgemäße Inszenierung. „Das Spiel von Seele und Körper“ von Emilio de‘ Cavalieri stand als letzte Opern-Premiere der Saison im Bockenheimer Depot in Frankfurt auf dem Spielplan und erfüllte die Erwartungen mehr als standesgemäß. Das Werk besticht in der fantasievollen und bilderreichen Inszenierung von Hendrik Müller, die immer wieder zum Staunen bringt. Er hat aus dem spätmittelalterlichen Mysterienspiel […] ein Bühnenstück gemacht, das auch dem Zuschauer des 21. Jahrhunderts durchaus noch etwas zu sagen hat. Körper und Seele werden als unzertrennliches Liebespaar geschildert. Von den Rängen hinabsteigend erobern sie die Bühne, auf der bereits der Chor aus seligen und verdammten Seelen von der Zeit und dem Geist gegängelt und getrieben werden. Wie Schattenwesen umringen sie das leuchtende Paar, das in der Folge auf Herz uind Nieren auf seine Standfestigkeit und Treue zu Gott geprüft wird. […] Seele und Körper bringen eine Reise hinter sich, auf der sie erkennen, dass einzig im Himmel die Offenbarung für sie zu finden ist. Freilich karikiert der junge Regisseur Hendrik Müller dieses für heutige Augen seltsame Ende – und zeigt zum Schluss den Körper in neckischer Pose und die Seele in treuherzigem Anbetungsgestus. Aber soviel Frechheit bei gleichzeitigem Respekt vor der historischen Musik muss erlaubt sein.

Bettina Kneller – Main-Echo, 4. Juli 2013
An der Oper Frankfurt inszeniert Hendrik Müller das geistliche Spiel im sehr weltlichen Bockenheimer Depot und ließ sich von Claudia Doderer eine Art Retabel bauen, vor und in dem die Figuren agieren. Er bezieht den ganzen Raum in seine Inszenierung mit ein, positioniert Teile des Orchesters und des Chors in Kuben, die neben der Zuschauertribüne aufgebaut sind. Die Sänger betreten den Raum über die Tribüne und verlassen ihn auch zum großen Schlussgesang auf demselben, die Zuschauer explizit in die Handlung mit einbeziehend. Vor dem Retabel positioniert Müller die Sänger immer wieder zu wunderbaren Tableaus, die an religiöse Darstellungen erinnern, wobei die Kostüme Assoziationsräume freilassen, mit wenigen Andeutungen auskommen. Müllers Inszenierung ist fantasievoll, einfallsreich und dabei doch klar in der Struktur.

Bernd Zegowitz – Rhein-Neckar-Zeitung, 2. Juli 2013
Seele und Körper werden zum Spielball, wenn die allegorischen Figuren „Vergnügen“, „Geist“ und „der gute Rat“ versuchen, den Körper zu verführen – und von weiteren Figuren Schützenhilfe bekommen, die auf Claudia Doderers Bühne in setzkastenartigen Wandsausschnitten stehen: Darunter die wollüstige „Welt“, mit einem Riesenlaib Brot im Arm, die „Narrheit“ mit närrischer Federnkappe und der „Neid“, dem das Böse an der langen Schlangenzunge schonbuchstäblich zum Halse herauskommt. Reminiszenzen an Giottos Fresken- Figuren. Kein Wunder, dass der Körper bei so viel prallem Leben schwach wird. Die Seele, gerät schließlich selbst in eine Zerreißprobe, als die Figuren „Geist“ und „der gute Rat“ links und rechts mit Stricken an ihr ziehen, dabei Himmels- und Höllenszenarien gegeneinander abwägen. Von Regisseur Hendrik Müller in zauberhaft-anspielungsreiche Bilder gesetzt, entsteht ein wunderbarer Sommernachtstraum, gewebt für die historische Werkstatt-Atmosphäre des Bockenheimer Depots.

Ursula Böhmer – SWR2, 1. Juli 2013

 

Emmerich Kálmán
DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN

Premiere am 18. Januar 2013
Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin

Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin präsentiert eine von den gängigen Klischees radikal entstaube, befreite Operetteninszenierung in einer völlig überarbeiteten Textfassung von Kriss Rudolph. Regisseur Hendrik Müller zeigt Die Csárdásfürstin ohne rührseliges Pathos als großes Theater par excellence. […] In einer vom Gefühl des Weltuntergangs geprägten Wendezeit bleibt der unbedingte Drang danach, glücklich zu sein, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Sylvas Handeln wider jede Konvention changiert zwischen pulsierender Lebensfreude und Depression. Es sind zwei Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: das oberflächliche Dasein als Star und die kalte, von ökonomischen Konventionen regierte Atmosphäre einer dem Geld verpflichteten Gesellschaft. Und doch haben sie eins gemeinsam: „the show must go on!“ […] Das Konzept von Hendrik Müller, das er konsequent durchgezogen hat, ist voll aufgegangen. Schwerin kann man zu dem Mut zu dieser Inszenierung nur gratulieren.

Andreas H. Hölscher – opernnetz.de, 20. Januar 2013

Operette wie ein Tanz am Rande des Abgrunds

Wer großes Theater erwartete, bekam alles: die Premiere der Inszenierung des Berliner Gastregisseurs Hendrik Müller wurde mit großem Jubel und stürmischer Begeisterung aufgenommen. […] Was entstand, ist ein Wurf, der das Stück in unsere Zeit stellt, mitten in unsere Probleme, ohne es allein auf die gegenwärtige Finanzkrise festzulegen, ohne es überhaupt vordergründig zu modernisieren. Vor allem: ohne es zu entstellen! Anfangs mag sich mancher von den stilistischen Brüchen zwischen Kálmáns romantisierender Operettenmusik und Rudolphs flapsig bis schnoddrigem, ja rotzigem Dialogtext überfahren gefühlt haben. Bald wurde aber klar, dass hier Realität gegen Traumwelt steht, die Vermarktung der Starsängerin Sylva Varescu als Csárdásfürstin ein eiskaltes Geschäft und die Liebe zwischen Bankersohn Edwin und Sylva ein romantischer Wunsch ist. Eins blickt voller Ironie auf das jeweils andere. Dafür zieht Müller alle Register des Theaters. Wie in einem Wimmelbild erzählt er auf der Bühne hundert kleine Geschichten, alle irgendwie sinnvoll mit dem Hauptstrang verbunden. Er nutzt das „so als ob“, den Schein über dem Sein als stilistisches Mittel. Ein Dialog hinreißend als Monolog, die Party pantomimisch ohne Requisiten, Tanz ohne Musik. Dann, im raffiniert gebauten Spiegelsaal (Matthias Werner), spiegelt er die Handlung zwischen den Protagonisten in rasante, übertreibende Bilder von Ballett und Chor im Hintergrund. Er mischt Schauspieler mit Sängern, lässt die Tänzerinnen singen und den Chor tanzen, ein üppiges szenisches Feuerwerk mit dramatischen Zuspitzungen! […] Für alle Beteiligten gab es Beifall auf offener Szene noch und noch, manchmal sogar schon zu Szenenbeginn. Am Ende ist klar, es geht nicht ums Geld. Es geht nur um eins: Theater, Theater!

Michael Baumgartl –Schweriner Volkszeitung, 21. Januar 2012

 

Nun hat das Theater Schwerin Emmerich Kálmáns Csárdásfürstin glatt auf den Kopf gestellt. Dies in einer fulminanten Inszenierung von hoher theatralischer Attraktivität, intelligent und fantasiereich, witzig und doch nicht nur herumalbernd, uns unsere Träume lassend und zugleich ihre wirklichen Schwierigkeiten zeigend. Dazu hat Kriss Rudolph eine Schweriner Fassung hergestellt, situiert in der Moderne, im Backstage des Showgeschäfts, im Selbstbespiegelungskabinett von Management und Geldleuten, mit treffenden, pointierten Dialogen ohne billige Effekte. Diese Fassung entlarvt gleichsam das alte Libretto als Traumfabrik, indem sie es umdreht: Die Jagd nach dem Gelde und die Sehnsucht nach Liebe kommen sich permanent in die Quere, das eine verhindert das andere – die Krise kommt, die Börse kracht und alle Spiegel zerbrechen, vom Plafond regnet das wertlose Geld, und die Liebe kommt nur zu ihrem Happy End durch eine witzig-groteske Absurdität. Aber dies ist zugleich eine Leistung der untrennbar damit verquickten Inszenierung von Hendrik Müller, bis ins letzte Detail von überbordender Fantasie, die aber niemals aus der Spur läuft und zum bloßen Gagzweck wird, in der der gute alte Operettenglamour in seiner Verführungskraft vorgeführt und zugleich parodiert wird, dabei auch seine schäbige Rückseite zeigend. Prinzip dieser Inszenierung ist die Konterkarierung, was im Vordergrund geschieht, wird vom Hintergrund infrage gestellt, was zu sehen ist, wird von dem, was zu hören ist, desavouiert – oder jeweils umgekehrt. Das führt zu keinem beliebigen Stilmix, sondern zu einer eindrucksvollen Ensembleleistung: von der genau auf dieser Linie liegenden faszinierenden Ausstattung von Matthias Werner (für die es mehrfach Szenenapplaus gab), im Spiel von Glanz und Poesie einerseits und Entlarvung andererseits, über die darstellerischen Individualleistungen von Statisterie und Opernchor, über die Ballettkompagnie, die sogar singt und kleine Sprachrollen bedient, in der Choreographie von Andrea Danae Kingston, die jegliche gefällige Walzerseligkeit und showmäßiges Csárdásgetue vermeidet, bis hin zur Figurenführung der Sängerdarsteller, psychologisch genau und niemals in die üblichen Operettenschablonen abrutschend. […] Die Aufführung in Schwerin zeigt: So kann Operette auch funktionieren: als geistreiche Unterhaltung, die auf amüsante und berührende Weise und künstlerisch überzeugend unser Bewusstsein von uns selbst und unserer Lage schärft.

Hans-Jürgen Staszak – Ostseezeitung, 21. Januar 2013

 

Claude Vivier
KOPERNIKUS

Premiere am 26. Oktober 2012
Young Opera Company Freiburg

Man sieht grell stilisierte Gestalten gestikulieren, agieren, sich choreographisch verschränken, sogar akrobatisch zu immer wieder neuen Konfigurationen gelangen. „Rollen“ gibt es hier kaum, eher grotesk personifizierte Zustände. Und so, wie bei Claude Vivier Namen von Astronomen, indischer Mythologie, auch Lewis Carroll aufblitzen, ergeben sich in Hendrik Müllers Inszenierung allenfalls en passant Anspielungen auf Abendmahl, Laokoon-Verstrickung oder auf Heath Ledgers rotgeschminkten „Batman“- Joker. Mit einfachen Mitteln werden Sakral-Aura und Fernost-Mystizismus unterlaufen, wird wabernder Kitsch vermieden. Es bleibt beim rituellen Bewegungsspiel, wie auch Hinweise auf den Komponisten und seine Biographie unterbleiben: Gerade die Nicht-Konkretion, das Balancieren auf der „Schwelle“ wirkt dringlich.

Gerhard R. Koch – Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Oktober 2012
Todeszonen
Eine aufgebaute Bühne, Stühle und ein Tisch, die niemand befreit hat von der weißen Malerfarbe, Insignien der Abnutzung aller Dinge, das sich andeutende Zurückfallen in die einzelnen Segmente, die unsere eigene Auflösung vor Augen führen. Nichts ist heil in dieser Welt, nichts gänzlich ausgelöscht. […] Kommunikation, die gerinnt und in Tableaus zum Stillstand kommt. Ängste, Entsetzen, das in die Gesichter gemalt ist, die so in Michelangelos Höllenmalereien der Sixtinischen Kapelle erscheinen. Physikalisches Weltwissen, das die Illusionen der Religion zerstört, die kopernikanische Wende auf dem Gebiet der Transzendenz. Die tödliche Blässe, die noch nicht alle erfasst hat. Liebe, die sistiert, Umarmungen, die von einer Nähe erzählen, die nicht wärmt, die lediglich aus der Gleichheit in der Verlorenheit rührt. Embryonale Verkrümmungen, doch kein Tisch, unter den man sich verkriecht, bannt die Angst als Grundhaltung der Vorhölle. Gespannte Sezierungen, die die Freude über den großen Gleichmacher nicht verhehlen und dann wieder Auferstehungserwartungen, die im Analogieschluss die eigene Existenz meinen. Die ganzen leeren Hoffnungen bekommen ihr Forum. Selbst der Versuch, in der Auflösung des Ich noch Individualität zu bewahren, mit vier verschiedenen Frisuren der Frauen, mit Kleidung, die bei den Männern davon erzählt, wer man einmal war. Jede der Damen trägt ihre eigene Farbe. Jede kommt aus ihrer eigenen Zeit. Die jüngst Angekommene die Heutigste. Für die kongeniale Ausstattung sorgt Lena Lukjanova. Dann das Gastmahl: Die aufgetragenen Teller liegen auf dem Bauch, die gefüllten Gläser kann niemand leeren, eingeschlossen die Mittel zum Leben in buntes Glas. Alles nur noch ein Nachäffen des wahren Lebens. Wie in der Depression, wie in der Angstpsychose. Agni tritt auf, in einem Teddybärenlager, die zu verspürende Gier, mit der sich die Eingeschlossenen und Verlorenen auf das gerade eintreffende Kind werfen, das noch etwas atmet, ausdünstet von dem, was aus den anderen längst entwichen ist. […] Hendrik Müller und sein Gespür für seelische Zwischenwelten, seine strenge Choreografie, seine minimalistische Ausstattung, seine exzellente Auswahl der Sängerinnen und Sänger, seine Sicherheit für jeden Blick, jede Geste und Mimik, sein Entschlüsseln der Hieroglyphen des Todes sorgen dafür, dass die Aufführung ein großes Ereignis wird.

Frank Herkommer – opernnetz.de, 31. Oktober 2012

 

Hendrik Müller und Juliane Hollerbach, die bei dieser anspruchsvollen Produktion der Young Opera Company gemeinsam für Regie und Choreographie verantwortlich sind, geben den Sängerinnen und Sängern nicht nur durch die stark geschminkten Gesichter enorme Expressivität. Alle bewegen sich mit großer Präsenz. Wie Pantomime wirkt diese Bühnensprache, zumal die Texte, die Vivier geschrieben hat, großenteils in einer Fantasiesprache verfasst sind. Müller und Hollerbach inszenieren die Musik, den Gestus, die Energie. Jeder noch so kleinen musikalischen Figur wird Gewicht gegeben. […] Zu den Schlussklängen marschieren die Solisten mit den Instrumentalisten und dem Dirigenten durch den Mittelgang nach hinten, ehe die Sänger wieder im Altarraum auftauchen und die Oper von vorne beginnt. Wer ist tot, wer ist lebendig, wo ist der Anfang, wo das Ende? Die Grenzen verwischen in diesem eigentümlichen Zwischenreich.

Georg Rudiger – Badische Zeitung, 29. Oktober 2012
Auf der erhöhten Bühne scheinen die Protagonisten wie in Zeitlupe zu schweben. Es ist der Ort, in den wir im Augenblick des Todes eintreten. Eine strenge Choreografie herrscht hier, in der sich die Figuren unablässig umeinander bewegen. Das Regiekonzept, das sich einfacher, aber wirkmächtiger Elemente bedient, wagt eine Deutung, lässt aber ebenso Raum für die Phantasie des Publikums. In ihren mit kräftigen Farben handbemalten Kostümen verströmen die Protagonisten eine ganz eigene Aura.

Georg Waßmuth –Deutschlandfunk, 2. November2012

Inszenierung und Bühne

Hendrik Müller


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